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Chronik

50 Jahre Siedlergemeinschaft Neutraubling e.V.

 

Als am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, war Deutschland nur noch ein Trümmerhaufen, Städte und Dörfer lagen in Schutt und Asche. Ausgelöst durch den Zusammenbruch des „Reiches“ war eine riesige Völkerwanderung im Gange. Circa zwölf Millionen Deutsche, waren in Bewegung und als Flüchtlinge, Ausgestoßene und Vertriebene ihrer angestammten Heimat beraubt. Während die Mütter mit den Kindern und den Alten auf der Suche nach einem Obdach in das damalige „Altreich" strömten, befanden sich die Männer und Väter zum großen Teil in den Kriegsgefangenenlagern, waren interniert, oder wurden nach Frankreich zur Zwangsarbeit verfrachtet. Schlimmer noch waren die Schicksale der Familien, deren Männer, Söhne und Brüder in den sowjetischen Gefangenlagern litten. Oft jedoch mussten sich die Frauen und Kinder damit abfinden, dass mindestens einer ihrer Angehörigen gefallen war.

 

Chronik 1

 

Auch dem neuen Freistaat Bayern erwuchs die ungeheure Aufgabe, einen Teil dieser Flüchtlinge unterzubringen und einzugliedern. Ein Unterfangen, das nicht immer reibungslos verlief. Aufgrund der bestehenden Raumnot konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der Behörden verständlicherweise auf freiwerdende Objekte der ehemaligen Deutschen Wehrmacht, wie etwa Kasernen, Munitionslager oder Flugplätze, soweit diese nicht von den Besatzungstruppen belegt waren. Neben Waldkraiburg, Neugablonz, Geretsried und Traunreuth war auch der ehemalige Flugplatz Obertraubling ein solcher Platz für Neuansiedlungen. Er unterstand nun der Verwaltung des Bayerischen Landesamtes für Vermögensverwaltung und Wiedergutmachung.

 

Chronik 2

 

Erste Flüchtlinge trafen im Januar/Februar 1945 hier ein. Die kommunale Verwaltung erfolgte von Barbing aus, unter Bürgermeister Lichtinger.

Als Ende 1947 die amerikanischen Soldaten den Ort verließen, wurde ein Flüchtlingsbeauftragter, der spätere Bürgermeister Hans Herget, eingesetzt. Ihm zur Seite stand Josef Radler. Von da an begann eine Aufbauarbeit, die Ihresgleichen sucht. Mit ungeheurem Fleiß, Zähigkeit und Aufbauwillen wurde ein „blühendes Gemeinwesen" buchstäblich aus dem Boden, besser gesagt aus den Trümmern gezaubert. An dieser Aufbauarbeit mitgewirkt zu haben, ist nicht zuletzt der Verdienst unserer Mitglieder. Um wirklich „siedeln" zu können, fehlten jedoch 1947 zunächst einmal alle notwendigen Voraussetzungen. Für den Bau von Privathäusern ist Grund und Boden nötig. Dafür war jedoch das Gelände des ehemaligen Flughafens vorerst nicht eingeplant. Es sollten dort vielmehr Handwerks- und Industriebetriebe angesiedelt werden, um den Flüchtlingen Erwerbsmöglichkeiten zur Sicherung ihrer Existenz zu geben. Die Möglichkeit zu siedeln ergab sich erst nach der Verabschiedung der Bodenreform und des Lastenausgleichsgesetzes, in dessen Folge u. a. auch das Haus Thurn und Taxis Grund und Boden abgeben musste. Hier, am Rande des Flugplatzes in Richtung Barbing, war es das Katastergrundstück „Steinäckerstr.", von den alten Barbingern „Sandpritsche" genannt.

 

Chronik 3

 

Ende 1948 wurde erstmals von dem damaligen CSU-Vorsitzenden Johann Wagner der Gedanke an die Errichtung einer Wohnsiedlung aufgebracht. Landrat Deininger und auch Bürgermeister Lichtinger von Barbing schlossen sich dem Vorschlag an. Unter dem Dach der Bayerischen Landessiedlung GmbH München wurde dann im Dezember 1948 im Gasthaus Lichtinger in Barbing die „Landsiedlergenossenschaft GmbH" aus der Taufe gehoben. Am 01.01.1949 waren 700 Einwohner angemeldet.

 

Chronik 4

 

Heinrich Junghans, einer der neu angesiedelten Unternehmer, dessen Namen die Siedlung auch heute noch trägt, wurde zum 1. Vorsitzenden und Wolfgang Barth zum Schriftführer und Kassier gewählt. Unter seiner tatkräftigen Leitung wurde nun das Siedlungswerk in Angriff genommen.

 

Von der Bayerischen Landessiedlung (BLS) München war den Bauwilligen Herr Wanderer aus Mintraching als Architekt zugewiesen worden, der die Planungen im Sinne der BLS unter den damals geltenden Bestimmungen in Angriff nahm. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, was da alles nicht erlaubt war: So waren z.B. Bäder verboten, jeder Quadratmeter musste Wohnzwecken dienen. Gemäß dem Wohnungsamt standen jeder Person neun qm Wohnraum zu. Die Siedler-Häuser wurden daher mit 90 qm als Zweifamilienhäuser zu je 45 qm konzipiert. Eine weitere Beschränkung war der niedrige Kniestock, wodurch die Räume des ersten Stockwerkes alle eine Mansardenschräge erhielten. Alle Einwände und Vorstellungen nutzten nichts, die Baubehörde beharrte starrsinnig auf der „Oberpfalz typischen Bauweise". Ein großer Vorteil war dennoch, dass zum Haus ein kleines Nebengebäude für Kleintierhaltung genehmigt wurde.

 

Es gab so gut wie keinen Siedlungswilligen, der den Genossenschafts-Anteil auf einmal bezahlen konnte, sondern fast alle zahlten deshalb in Raten. Dabei musste den Bauwilligen noch gut zugeredet werden, nicht aufzugeben oder abzuspringen. Während der einzelnen Bauabschnitte wurde vorbildlich zusammengearbeitet und vieles in Eigenleistung erstellt. Da es damals auch noch nicht die modernen Baumaschinen gab, hat jede Siedlerfamilie ihren Grundaushub für das Fundament und den Keller mit eigenen Händen „ausgeschaufelt“ und den angefallenen Kies für die Maurer auch selbst gesiebt. Jedes Wochenende wurden bei einem anderen Siedler Grundmauern betoniert.

 

Chronik 5

 

Trotz vieler Hindernisse und Schwierigkeiten wurde mit Fleiß und Ausdauer am Ende geschafft, was man sich vorgenommen hatte. Mit Planung, Teilfinanzierung, Baudurchführung, Übergabe der fertigen Häuser und der notariellen Eintragung waren der Zweck und die Aufgabe der Landsiedlergenossenschaft erfüllt.

 

Nachdem Ende 1951 die Siedler des ersten Bauabschnittes in ihre fertigen Häuser eingezogen waren, lag jede weitere Initiative in den Händen der Hausbesitzer selbst. Dies war auch das Jahr der Gemeindegründung von „Neutraubling" (01. April 1951 mit 1297 Einwohnern). Obwohl das Geld mehr als knapp war, verblieben alle Siedler weiterhin bei der Landsiedlergenossenschaft (LSG), um mit ihrem Genossenschaftsanteil das Stammkapital der LSG nicht zu schmälern. Für andere Siedlungswillige wurden damit weitere Grundstücke ankauft, um Siedlungshäuser errichten zu können. Schon bald stellte sich heraus, dass es auch in Zukunft Aufgaben geben würde, die in der Gemeinschaft besser, schneller und vor allem billiger zu lösen sein würden. Man dachte zunächst an einfache Dinge, wie die Beschaffung von Düngemitteln, Pflanzen und Bäumen.

 

Als erstes nahmen die Siedler gemeinsam die Einfriedung ihrer Grundstücke in Arbeit. Die Zaunsäulen wurden wiederum in Gemeinschaftsarbeit betoniert. Dann ging es an das Anlegen der Gärten. Den Obstbäumen wurde dabei besondere Aufmerksamkeit geschenkt, sollten diese doch den Haushalts-Etat durch Ausgabenvermeidung entlasten helfen. Manche Siedler pflanzten bis zu 20 Obstbäume und hielten nebenbei auch noch Hühner, Hasen, Gänse und sogar Schweine. Diese waren für den Eigenbedarf gedacht, doch wurde auch schwunghaft damit gehandelt, um die Ratenzahlungen zu erleichtern.

Sodann wurden die Breslauer- und der Eichendorffstraße gemeinschaftlich erstellt. Schon bei der Aufteilung der Grundstücke war man zu der Erkenntnis gelangt, dass die beiden Straßenzüge in irgendeiner Form zusammenführen müssten.

 

Chronik 6

 

Nach eingehenden Erkundigungen in den umliegenden Gemeinden durch Peter Haug und Wolfgang Barth stellte sich heraus, dass die Siedlergemeinschaften der Oberpfalz (Weiden) bereits dem Bayerischen Siedlerbund mit Sitz in München (BSB) angehörten. Dieser entstammt dem Deutschen Siedlerbund und wurde bereits 1935 gegründet.

 

So kam man zu dem Entschluss, auch diesem schon bewährten Bayerischen Siedlerbund - Regierungsbezirk Oberpfalz beizutreten. Die vornehmlichsten Aufgaben des BSB waren seit Jahren die Vertretung des Siedlungs- und Eigenheimgedankens gegenüber den zuständigen gesetzgebenden Instanzen und Verwaltungsbehörden. Wir sahen ferner, dass hier beim BSB schon eine gefestigte Struktur mit Verbandssatzung, sowie eine Haus- und Grundbesitzer-Haftpflicht-Versicherung vorhanden waren.

 

Der Zeitungsreporter Herrmann Schmachtel fand heraus, dass sich damals am 10. Januar 1954 elf Siedler zusammenfanden um die „Siedlergemeinschaft Neutraubling" zu gründen. Dies fand im damaligen Gasthaus „Alte Heimat" im sogenannten O-Bau statt. Die vorläufige Leitung übernahmen die Herren Peter Haug, Jakob Mayer und Wolfgang Barth. Einen 1. Vorsitzenden gab es wegen der relativ geringen Mitgliederzahl noch nicht. Die ersten schriftlichen Beitrittsaufnahmen sind auf den 01.03.1954 ausgestellt und ab da wurden auch die Mit­glieds­beiträge kassiert. Die Geschäfte wurden weiterhin vom Büro der LSG abgewickelt, mit der die Siedler nach wie vor eng zusammenarbeiteten. Gesellschaftliche Veranstaltungen waren damals noch nicht in Sicht. Das Ganze musste sich erst einmal aus sich selbst heraus entwickeln. Jedoch der Anfang war gemacht! Erfreulicherweise stellte sich schon bald Albin Radler zur Verfügung, der das Amt des Geräte- und Baumwartes übernahm und sich ganz besonders um die Obstbaumspritzung kümmerte.

 

Hausbau

 

Auch vom Landratsamt bekam die Gemeinschaft Unterstützung und Fachberater Herr Feichtner führte einige Baumschneidekurse durch. An weitere Aktivitäten war jedoch in den Jahren 1954-1960 nicht zu denken, da jeder noch zu sehr darauf bedacht war, „über die Runden" zu kommen und das bedeutete immer, Mittel für die Darlehens-Rückzahlungen zu beschaffen.

 

Weitere Bauabschnitte der LSG wurden fertig und die Zahl der Siedlerfreunde unserer Gemeinschaft wuchs 1960 bereits auf 72 und die Einwohnerzahl in Neutraubling stieg auf 3935. Zu dieser Zeit bauten nicht nur Flüchtlinge, sondern auch einheimische Familien und Familien aus dem Umland. So wuchs unabänderlich die Siedlergemeinschaft auf einen derzeitigen Mitgliederstand von 430, sowie auch die Gemeinde Neutraubling, die 1986 zur Stadt erhoben wurde.